Leider
war die Nacht etwas zu erholsam: Wir haben verpennt! Bei acht Leuten, wovon drei echte Frühaufsteher sind, ist das schon eine besondere Leistung! So
begann eine wilde Rallye zu unserem heutigen Ziel: Látrabjarg, ein Vogelfelsen. Wir mussten um 13 Uhr die Fähre nach Stykkishólmur erwischen. Und dann
haben wir uns doch ein bisschen geärgert, als uns unser Guide mitteilte, dass in einer so wunderschönen Bucht unser eigentliches Quartier gelegen
hätte. Schade, aber Sauna war ja auch nicht schlecht. Würden auf Island warme 30 Grad herrschen, wäre es mit Sicherheit schon vom Badetourismus heimgesucht
und mit Hotelbunkern zugebaut worden!
Als
es auch noch zu regnen anfing haben wir unseren Anhänger bei einem Einödhof abgestellt, um schneller voran zu kommen. Látrabjarg ist die westlichste
Spitze Vestfirdirs, der Nordwest-Halbinsel. Eine Gegend, der die Menschen immer mehr den Rücken kehren und so entstand im Laufe der Zeit wieder eine
Natur, wie sie die ersten Siedler hier wohl vorgefunden haben. Das bis zu 800 m über dem Meer gelegene Hochplateau der Halbinsel bringt es durch seine
bis zu 10 km ins Landesinnere reichenden Fjorde auf fast ein ein Drittel der Küstenlänge Islands. Die Steilküste setzt sich in den bis zu 500 m tiefen
Fjorden fort.
Der
Vogelfelsen fällt beinahe 500 m steil zum Meer hin ab. Hier findet sich ein wahres Vogelparadies. Meine Lieblinge, die Papageitaucher sind
zu Abertausenden vertreten. Drei bis fünf Millionen Brutpaare dieser Clowns leben auf Island, was der Hälfte des Weltbestandes entspricht. Sie bevölkern
an den Vogelfelsen mit den Mantelmöwen die oberste Etage, weshalb man sie besonders gut beobachten kann. Die meisten Vögel hier sind Hochseevögel,
d.h. sie leben die meiste Zeit des Jahres auf dem Meer und kehren nur zum Brutgeschäft für einige Zeit im Sommer auf die Vogelfelsen zurück. Hier herrschen
vor allem im Sommer optimale Nahrungsbedingungen. Die langen Tage der Mitternachtssonne begünstigen das Wachstum von pflanzlichem Plankton, das die
Nahrungskette "anlockt": Tierisches Plankton, dieses wiederum Krebstierchen und Fische, die dann von den Vögeln gefressen werden. Auch das
Zusammentreffen von warmen und kalten Meeresströmungen fördert diese Entwicklung, da sich das Wasser so mit Nährstoffen anreichert. Dass Millionen
von Seevögeln zusammen leben können ohne sich die Nahrung streitig
zu machen, erklärt sich durch die Nahrungsspezialisierung der einzelnen Arten. So fressen Alke hauptsächlich Fische, Papageitaucher haben sich auf
Sandaale spezialisiert, andere ernähren sich von Krebsen. Manche Vögel fliegen aufs Meer hinaus zum Fischen, andere tun dies eher am Strand. Auch das
"Chaos" am Vogelfelsen ist organisiert. Die verschiedenen Arten nisten auf den unterschiedlichen "Etagen" des Felsens. Papageitaucher
bauen Bruthöhlen, folglich sind sie ganz oben zu finden, wo noch Humus den Vogelfelsen bedeckt. Ganz unten zu finden sind Gryllteiste und Dreizehenmöwen,
die Trottellummen brüten ungefähr in der Mitte.
Nach
leider durch eigene Schuld viel zu kurzem Aufenthalt bei den gefiederten Bewohnern folgte die Hetzjagd zurück. Bei dem Einödhof haben wir unseren Hänger
wieder angekuppelt, jedoch nicht ohne einen Blick auf das "Privatmuseum" des Besitzers zu werfen, der hier allerhand große Sachen sammelt.
Platz genug hat er ja, zum Beispiel für alte Flugzeuge und den Nachbau eines Wikingerschiffes. Auch einen kurzen Halt beim angeblich ersten
Stahlschiff Islands, das nach seiner Strandung hier einsam vor sich hin rostet. Mit total verdrecktem Auto und einem platten Reifen kamen
wir noch rechtzeitig in
Brjánslaekur an. Wir hatten sogar noch eine halbe Stunde Zeit zur Mittagspause bis die Fähre "Baldur" anlegte, um uns über den Breidafjördur
nach Stykkishólmur zu bringen. Die Überfahrt dauerte mit Zwischenstopp auf der Insel Flatey ca. 3 Stunden, Zeit genug, sich von der stressigen Fahrt
zum und vom Vogelfelsen zu erholen. In Stykkishólmur hatten wir eine Zwangspause wegen dem kaputten Reifen, aber nach einer Stunde konnten wir schon
unsere Fahrt rund um die Halbinsel Snaefellsnes fortsetzen.
Rund
um den an der Spitze der Halbinsel gelegenen Vulkankegel des Snaefellsjökull findet sich eine sehr abwechslungsreiche Landschaft mit Gletschern,
Flüssen, Fjorden, aber auch Wiesen und Moore. Hier brüten große Kolonien Küstenseeschwalben, die zur Brutzeit sehr aggressiv sein können und auch Autos
angreifen. Wir werden das noch am eigenen Leib erfahren! Die Vögel sitzen teilweise scharenweise auf der Strasse und schimpfen auf die paar Autos,
die hier vorbeikommen. In einem Schlot des 1446 m hohen Snaefellsjökull lässt Jules Vernes seine "Reise zum Mittelpunkt der Erde" beginnen.
Mit einer Grillparty
im Freien, schließlich mussten wir die erste windstille Nacht seit langem
nutzen, beendeten wir diesen aufregenden Tag. Dies war bereits unser
"inoffizielles" Abschiedsessen, denn die Tour neigte sich
unaufhaltsam dem Ende! :-(

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