Der
erste Eindruck von Island während der Landung war Keflavík. Auch die erste Fahrt auf isländischem Boden war nicht gerade beeindruckend. 60 km endlose
schwarze Lavawüste unter wolkenverhangenem Himmel, ziemlich trostlos. Heimlich fragte sich jeder: Auf was haben wir uns da wohl eingelassen? Im Gästeheim
angekommen begaben wir uns auf unseren ersten Rundgang durch Reykjavík. Eine Stadt voll junger Leute mit einem amerikanisch anmutenden Flair. Sommer
in Reykjavík, das heißt Menschen in kurzen Hosen und T-Shirts, egal welche Temperaturen herrschen (es ist ja schließlich Sommer!), Autokorsos like "American
Graffiti", teils mit amerikanischen Oldtimern, heruntergekurbelten Autofenstern und lauter Musik. Auch in den Restaurants herrschen amerikanische
Sitten, der Platzzuweiser am Empfang ist obligatorisch. Was mir noch aufgefallen ist: Man sieht keine Obdachlosen oder sogenannte "Penner".
Unser
erster Sightseeingstopp war die Hallgríms-Kirche: Der Bau wurde 1947 begonnen. Sie wird nur durch Spenden und Eintrittsgelder finanziert und ist daher
immer noch nicht ganz fertiggestellt. Basaltsäulen dienten als Vorbild. Gern wären wir auf den 70 m hohen Turm gestiegen, doch leider war die Kirche
schon geschlossen, es war schließlich schon nach 9 Uhr abends. Vor der Kirche kann man ein Standbild von Leif Eriksson erkennen, gestiftet von den
Vereinigten Staaten von Amerika für die Bürger Islands zum 1000 jährigen Jubiläum des Althing 1930.
Auf unserem Spaziergang kamen wir als nächstes zum Hafen. Ein typischer Fischereihafen mit Fischerbooten, Netzen am Kai, aber auch einige militärische
Schiffe lagen etwas abseits. An der Strandpromenade fanden wir die Skulptur eines
Wikingerschiffes modern und goldglänzend in der Mitternachtssonne. Nach 3 Stunden kamen wir gegen Mitternacht wieder an unserem Gästeheim an. Es war
immer noch nicht richtig dunkel und das Einschlafen wurde zum Problem, vor allem auch wegen der Aufregung. Am nächsten Tag gegen 9 Uhr sollte es ja
endlich in unserem Van losgehen. Irgendwann schläft man dann doch ein.
Am Freitag, den 14.07. nach einem kräftigen isländischen Frühstück gegen 9.30 Uhr kam
dann endlich unser Auto, ein Ford Club Wagon XLT Diesel, 25-30 l/100 km je nach Fahrweise (in Island ist das Benzin relativ günstig!), 185 PS und
zuschaltbarer Vierradantrieb. Die Autos müssen jedes Jahr zum TÜV, da die meisten extra für das Gelände umgebaut sind. Unsere knapp 3000 km meisterte
der Wagen ohne größere Schwierigkeiten: Drei Reifenpannen, zwei am Auto und eine am Anhänger. Die Ersatzteilversorgung erfolgt meist über Flugzeuge.
Jeder Einödhof verfügt über eine eigene Landebahn und GPS sorgt dafür, nirgends in der Einsamkeit alleine hilflos liegen zu bleiben.
Dann war es soweit. Das Wetter meinte es gut mit uns, es war knapp 20
Grad warm und wir liefen den ganzen Tag im T-Shirt herum. Start zu unserer
ersten Tagesetappe, ca. 274 km. Thingvellir, unser erstes Ziel liegt
am Thingvallavatn, mit 85 qkm Oberfläche der größte See Islands, an
der tiefsten Stelle 114 m.
Da die Menschen in Island
durch die großen Entfernungen früher ohne Flugzeug und Auto, nur auf ihre Pferde angewiesen, das ganze Jahr über in Einsamkeit lebten und nur selten
andere Menschen trafen, wurde Thingvellir einmal im Jahr zum Treffpunkt für ein Fest mit Informationsaustausch, Gesetzgebung und Rechtsprechung.
Am Lögbjarg, dem Gesetzesfelsen, dem Zentrum des Althings wurden die
Gesetze festgelegt und über Bösewichte Recht gesprochen. Der hufeisenförmige
Felsen fungierte dabei als "Verstärker". Was für furchtbare
Urteile hier ausgesprochen wurden, kann man sich anhand der Namen der
Umgebung ausmalen. Da finden sich Orte wie Galgaklettar (Galgenfelsen),
Drekkingarhylur (Ertränkungspfuhl), Brennugjá (Verbrennungsschlucht).
Hier wurden die beschlossenen Urteile vollstreckt. Wilde Zeiten damals!
Eine weitere Besonderheit hier
ist geologischer Natur. In der Almannagjá, der Allmännerschlucht, treffen die nordamerikanische und die eurasische Kontinentalplatte aufeinander. Die
Kontinentalplatten bewegen sich hier mit einer Geschwindigkeit von 2 cm im Jahr voneinander fort. Nicht kontinuierlich, sondern unter Spannungen. Daher
die kilometerlangen Spalten. Mit dem Auseinanderdriften der Platten geht eine Absenkung des Talbodens einher. In 9000 Jahren ca. 40 m, 1789 bei einem
Erdbeben in 10 Tagen aber gleich um 50 cm. Man steht hier geologisch gesehen auf der einen Seite in Europa und auf der anderen in Amerika! Dieser Treffpunkt
der beiden Kontinentalplatten zieht quer durch ganz Island.
Hier bekamen wir auch gleich einen ersten Eindruck von der Flora Islands,
die uns die ganze Zeit über begleiten sollte: Wilder Thymian (Foto),
Lichtnelken, Grasnelken, Steinbrecharten, Silberwurz, Storchschnabel,
Wollgras in feuchteren Gegenden, aber auch nordische Orchideenarten,
hauptsächlich jedoch Flechten und Moose.
Unser
nächster Halt: Haukadalur, Islands bekanntestes Hochtemperaturgebiet. Das ist eine Bezeichnung für Gebiete mit mehr als 150 Grad C warmen Energieträgern.
Die Hauptstadt wird übrigens mit solcher Energie versorgt. Die Heizung in den Häusern funktioniert durch diese "Fernwärme" und sogar die Bürgersteige
und Straßen werden so beheizt. Wenn es in den Häusern zu warm wird, werden einfach die Fenster aufgerissen um nicht die Heizung herunter drehen zu müssen.
An diesen Zustand muss man sich als energiebewusster Europäer erst mal gewöhnen.
Haukadalur
ist ein Gebiet in dem es permanent brodelt und dampft. Kleine Becken,
in deren Wasser man problemlos Eier kochen könnte, und die großen Geysire
dominieren hier. Der Strokkur, der größte zur Zeit tätige Geysir, bietet
schon ein sehr beeindruckendes Schauspiel. Nach Minuten der Ruhe, nur
mit einzelnen Dampfbläschen an der Oberfläche wallt das Wasser plötzlich
auf und wölbt sich glockenartig. Das Wallen erinnert an Butter in einem
Butterfass (daher der Name). Anschließend schießen aus der Tiefe explosionsartig
Dampfblasen herauf und reißen das Wasser bis zu einer Höhe von 15 -
20 m mit. Man sollte als Zuschauer auf die Windrichtung achten! Die
Fontäne fällt dann wieder in sich zusammen und das 97 Grad heiße Wasser
sammelt sich in dem 5 m weiten Geysirbecken erneut. Dieses grandiose
Schauspiel wiederholt sich ca. alle 5 - 10 Minuten. Das Becken besteht
aus Geysirit, ein Kieselsintergestein, das sich aus dem heißen Wasser
abscheidet. Kieselsäure ist in Thermalwässern oft in bis zu 100 mal
höherer Konzentration gelöst als in normalem Flusswasser. Bei hellen
Stellen ist beim Betreten Vorsicht geboten. Hier besteht Einbruchgefahr.
Der Grosse Geysir, Stóri-Geysir,
gab allen Springquellen der Welt ihren Namen. Am Fuß des kleinen Rhyolith-Berges Laugarfjall gelegen und ca. 150 m vom Strokkur entfernt, wallt sein
Wasser in dem 14 m messenden Becken nur noch ab und zu auf. Er hat seine Tätigkeit 1905 nach einem Erdbeben eingestellt. Mit 40 kg Kernseife wurde
er bei Staatsbesuchen noch mehrmals zum Leben erweckt, was aber inzwischen verboten wurde. Er ist ca. 10000 Jahre alt. Auch seine Ausmaße sind gewaltig:
Durchmesser des Beckens 14 m, Durchmesser des Schlundes 2 m, Tiefe des Schlundes 120 m. Früher schoss er stündlich bis in eine Höhe von 60 - 80 m hoch.
Wer weiß, vielleicht wird er durch das nächste Erdbeben wieder zum Leben erweckt?
Auf
dem Weg zum Gullfoss, dem Beginn der 2. Hochlandroute Kjölur ist der Gletscher Langjökull, mit 953 qkm der zweitgrößte Gletscher Islands, gut zu sehen.
Nach kurzem Fußmarsch kamen wir zum Gullfoss, dem Goldwasserfall. Der
Name kommt von einem bestimmten Winkel des Sonneneinfalls, in dem der
Wasserfall unter einem Regenbogen goldfarben erstrahlt. Leider war uns
dieser Anblick aufgrund der falschen Tageszeit verwehrt. Schade, aber
man kann halt nicht alles haben. Jedoch hinterließ der Anblick auch
so einen bleibenden Eindruck. Unter großem Getöse stürzt sich hier der
Fluss Hvitá in mehreren Fallstufen 30 m in die Tiefe. Man sagt, dass
der Gullfoss Islands schönster Wasserfall ist. Die obere Stufe ist 5
m hoch, die untere 20 m.
Weiter
ging es abseits der Ringstrasse durch das Tal des Markarfljót zum im Krossá-Tal gelegenen Pórsmörk, zwischen dem 1666 m hohen Eyjafjalla- und dem 1450
m hohen Mýrdalsjökull hindurch.
Bei der ersten "Geländefahrt" fuhren wir zum Zungenbeckensee
Lónid. Eine Gletscherzunge des Eyjafjallajökull, der Falljökull, mündet
in einen von einem 60 m hohen Moränenwall umgebenen Zungenbeckensee.
Durch das Zurückziehen des Gletschers entsteht eine Vertiefung hinter
dem Moränenwall, der durch Schmelzwasser aufgefüllt wird. Die schwarze
Färbung des Eises stammt von Vulkanasche.
Nach
dieser Mammuttour kam endlich Gódaland, unsere Unterkunft für diese Nacht, in Sicht. Müde, hungrig und nahezu erschlagen von den Eindrücken des Gesehenen
war unser Tag aber noch nicht zu Ende. Nach kurzer Pause erkundeten wir noch die wunderschöne Umgebung. Mit hoch aufragenden, grün bewachsenen Felswänden
lud uns eine enge Schlucht mit einem kleinen Bach zum Durchwandern ein. Teilweise war der Weg sehr schwierig zu gehen, glitschige Felsen, steile Abhänge.
Und dann kam am Ende nach einer schlüpfrigen Kletterpartie die Überraschung. Die Schlucht endete in einer Art "Kamin", durch den sich der
Bach in Form eines Wasserfalles in die Tiefe stürzte. Sehr beeindruckend.
Soweit
unser erster Tag. Jede Menge Eindrücke hatten wir zu verarbeiten. Doch
damit wuchs auch die Spannung, was uns wohl noch alles erwarten würde.
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