Bei
10 Grad morgens aufzustehen, einen längeren Weg zu den etwas entfernt stehenden Toilettenhäuschen zurückzulegen, und sich dann noch unter eine kalte
Dusche zu stellen, kostet schon sehr viel Überwindung. Aber man ist ja schließlich in einem außergewöhnlichen Land, das auf seine Weise auch Luxus der
etwas anderen Art zu bieten hat. Der noch längere Weg zu den warmen Quellen, die sich zu einem Bach vereinigen und sämtliche "Badetemperaturen"
aufweisen, fiel da schon erheblich leichter. Nach diesem Wechselbad und einem guten Frühstück ging es dann von Landmannalaugar aus los zu dem für mich
als "Wüstenfreak" interessantesten Teil der Fahrt: Quer durch das Hochland auf der Piste F 28, der
"Sprengisandur".
Zunächst war von Wüste allerdings nicht viel zu sehen, denn unzählige kleine Kraterseen
säumen die Piste. Entstanden sind diese Seen durch vulkanische Tätigkeit. Wo die heißen Schmelzmassen auf das Grundwasser trafen, wurden durch gewaltige
Explosionen "Löcher" in den Boden gerissen, die sich mit Grundwasser aufgefüllt haben.
Unser erster Fotohalt war der Ljótipollur, übersetzt das "hässliche Loch", der ein ungewöhnliche Farbschauspiel bietet. Der blaugrün
schimmernde See liegt eingebettet in von Eisenoxid rötlich gefärbtem Gestein. Das Farbspiel wechselt je nach Sonneneinstrahlung. Ein Effekt, der sich
leider nicht fotografisch festhalten lässt, wohl aber dem Betrachter in Erinnerung bleibt.
Vorbei an dem Kratersee Hnausapollur ging es weiter zu dem
Wasserkraftwerk Sigalda. Der Fluss Tungnaá wird hier zu einem riesigen Stausee aufgestaut und versorgt so die umliegende Gegend mit Strom.
Nach Überquerung des Stausees über zwei Brücken begleitete uns der Blick auf die "Hekla"
ein ganzes Stück unseres Weges. Der Schicht- oder Stratovulkan Hekla (Haube) ist 1491 m hoch und einer der aktivsten Vulkane der Erde. Die Tätigkeit
ist durch Ascheschichten bereits weit vor Christi Geburt belegt und in schöner Regelmäßigkeit vernichten Ausbrüche die Existenz der Bauern in der Umgebung.
Der letzte große Ausbruch fand im Mai 1947 statt und
die letzte aktive Tätigkeit war im Jahr 1981. Eigentlich wäre der nächste Ausbruch statistisch gesehen schon wieder fällig. Die immer schneebedeckte
Hekla enthüllt sehr selten ihr Haupt und es bedeutet Glück, sagen die Isländer, wenn man einen Blick auf den wolkenfreien Vulkan werfen kann. Wir Glückskinder!
Nach
dem Pórisvatn, dem mit 72 qkm und 109 m Tiefe zweitgrößten See Islands, wurde es ernst. Knapp 200 km Piste, holprig, staubig, aber auch kalt
und mit Schneetreiben lagen vor uns. In Versalir, der letzten Tankstelle, noch ein bisschen Proviant kaufen, voll tanken, Reifen checken.
Sprengisandurvegur,
zwischen den beiden Gletschern Hofs- und Vatnajökull gelegen, ist seit Jahrhunderten der einzige Weg von den besiedelten Gebieten im Norden in den
Süden und umgekehrt, und war vor der Erfindung des Autos sehr gefürchtet. Die fast vegetationslose, schwarze und endlose Kieswüste unter meist bedecktem
Himmel jagte den ohnehin schon bedrückten Reitern mit plötzlich auftretenden, heftigen Sandstürmen noch zusätzlich Angst ein. Deshalb trieben sie ihre
Pferde an, vorwärts zu "sprengen" und so möglichst schnell die "Sander" (vor den Endmoränen der Gletscher durch Schmelzwasser abgelagerte
breite Sand- und Kiesflächen) zu überqueren. So entstand der Name "Sprengisandur". Auch heutzutage
ist die Überquerung nicht ganz gefahrlos. Die Piste ist links und rechts mit Steinhaufen und in die Erde gesteckten Stöcken gesichert, da sie auch
heute durch die Sandstürme plötzlich verschwindet und man sich auch mit dem Auto ziemlich verfahren kann. Einige Tage vorher war die Piste unter einer
Neuschneedecke verschwunden. Auch das passiert mitten im Sommer! Sprengisandur ist eine edaphische, das heißt vom Boden bedingte Wüste. Es fällt genug
Niederschlag, jedoch versickert er sofort in dem porösen Boden, sodass sich keine Vegetation halten kann. Trotzdem haben wir auch hier vereinzelt einige
Pflänzchen gefunden, die dem Wind und der Kälte trotzen und sich beharrlich im Geröll festkrallen. Hier das Arktische Weidenröschen, eine Art Nationalblume,
die im Juli blüht.
Auch
hat uns das Wetter ein Stimmungstief beschert. Über das Schneetreiben auf dem 1520 m hohen Tungnafellsjökull haben wir uns anfangs noch gefreut,
doch bald waren wir mitten drin und die Stimmung sank auf den Nullpunkt. Eiskalter Wind und Schneegestöber, dass man kaum die Hand vor Augen sah, machte
uns die Ängste der Reiter früher ziemlich eindrucksvoll klar. Hier oben, auf 800 m Höhe liegt die Wasser- und Wetterscheide Islands. Hier befindet
sich auch der "Nabel Islands", die Mitte der Insel, dargestellt durch eine mit Drahtseilen befestigte Stange.
Doch
auch die schlimmste Strecke hat ein Ende und nach der Kidagil, an der Schlucht des Skjálfandafljót, konnten die Reiter früher und auch wir aufatmen.
Endlich erreichten wir den Aldeyjarfoss, das Ende des Sprengisandurvegur. Für mich ist der Aldeyjarfoss der schönste Wasserfall Islands. Der
105 km lange Lavastrom Frambruni floss vor ca. 8000 Jahren durch das Tal des Skjálfandafljót und zwang den Fluss, von nun an über die Kante des Lavastroms
20 m in die Tiefe zu stürzen. Imposant sind hier besonders die Basaltsäulen entlang der Lavastromkante. Der Verlauf des Stroms ist sehr gut zu sehen.
Ab
hier wird der Weg jetzt wieder grün und ich muss zugeben, auch meinen Augen tat das Grün sehr gut. Auf dem Foto Einblütiges Leimkraut. Doch leider
hat uns auch der Tourismus wieder, denn unser nächstes Ziel, der Gódafoss ist auch mit "normalen" Autos von der Ringstrasse aus
erreichbar.
Der "Götterfall" hat die gleiche Entstehungsgeschichte wie der Aldeyjarfoss und fällt
über die Lavastromkante 12 m in die Tiefe.
Der Legende nach hat ein zum Christentum bekehrter Wikinger hier seine Götzenbilder in den Wasserfall geworfen, um sich demonstrativ vom Heidentum
loszusagen.
Nach einem langen,
besichtigungsreichen Tag kamen wir abends in Reykjahlid am
Mývatn an. Nachdem sich das uns zugewiesene Quartier als zu klein erwiesen
hatte, mussten wir auch noch umziehen. Aber nach einer kleinen Erfrischung
und dem Abendessen konnte man den Abend bei einem kleinen Spaziergang
noch schön ausklingen lassen.

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