Jetzt
war wieder Autofahren angesagt; die nächste, noch berühmtere Wüste wartet! Also in Grímstadir, einem abgelegenen Bauernhof mit Tankstelle,
noch mal auftanken. Grímstadir ist der höchstgelegene bewirtschaftete Hof Islands. Und ein Fototermin bei einer Wollgraswiese. Es gibt zwei Arten von
Wollgras: Scheuchzers Wollgras, hier zu sehen mit nur einem Fruchtstand an rundem Stängel und das Schmalblättrige Wollgras mit dreieckigem Stängel.
Durch etliche
Furten ging es anschließend in die bei Off-Road-Fans berühmt-berüchtigte
Ódádahraun, die Missetaten-Wüste, die fast 4000 qkm groß ist.
Die übliche Übersetzung "Missetäter-Wüste" ist nicht korrekt.
Es handelt sich auch hier um eine edaphische Wüste, das heißt, die reichlichen
Regenfälle versickern sofort im porösen Boden.
Das
Wetter war dementsprechend mies, passte aber voll zu dieser trostlosen Landschaft. Die Lava von 15 Vulkanen breitet sich hier endlos aus, sie ist meist
über 5000 Jahre alt, aber kaum verwittert. Nach der Fahrt durch die nördlichen Ausläufer dieser Wüste erreichten wir Herdubreidalindir (Herdubreid-Quellen),
eine Oase, an der das im Bodenversickerte Wasser wieder zum Vorschein kommt und Pflanzenwuchs zulässt. Hier wächst in sandigen
Abschnitten Strandroggen, ansonsten Engelwurz, Weidenröschen und buschige Weiden. Aus der Echten Engelwurz wird übrigens auch der isländische Schnaps
gebrannt, der Brennivín.
In der Unterkunft "Porsteinsskáli" wurde das Gepäck deponiert und dann ging es auf
die ca. 40 km lange Fahrt zur Askja (die Schachtel). Hier ist das "Herz" der Ódádahraun, rund um das ca. 1500 m hohe Vulkanmassiv
der Dyngjufjöll. Die Piste führt
durch eine Bimssteinwüste, die von einem Ausbruch eines Kraterlochs her stammt. Dieser Ausbruch beförderte um die 2 Kubikkilometer Bimsasche an die
Oberfläche und diese findet sich heute von der Askja bis Herdubreidalindir wieder. In dieser "Mondlandschaft" ließ die NASA Astronauten die
Mondspaziergänge üben! Durch die leeren Magmakammern sank der Vulkanschlot mit der Zeit ein und es entstand die sogenannte kleine Caldera, wo heute
der mit 220 m tiefste See Islands zu finden ist. Wie der große Einsturzkessel (Caldera), die eigentliche Askja mit über 40 qkm Durchmesser entstand,
ist leider nicht bekannt. Von dieser fantastischen Landschaft haben wir aber nicht viel gesehen, da uns ein sehr starkes Schneetreiben die Sicht versperrte.
Nach einer einstündigen Wanderung durch den Neuschnee haben wir aufgegeben.
Es wäre auch nicht ganz ungefährlich gewesen, da eine Orientierung kaum möglich war: Die Spuren im Schnee waren schnell verweht, keine Sicht und kein
schöner Gedanke, sich bei diesem Wetter zu verlaufen. Nach einer kleinen Schneeballschlacht ging es also weiter.
Am Ostrand des
Askja-Massivs befindet sich die Drachenschlucht (Drekagil).
Die Ohren hat der Drache schon gespitzt, wie Ihr auf dem Foto sehen
könnt! Kein Schnee weit und breit und so konnten wir die Schlucht durchwandern
und wieder einen netten kleinen Foss zur Belohnung sehen.
Auf
dem Weg zu unserer Hütte haben wir noch einen Abstecher zur "Quelle" der Jökulsá á Fjöllum, dem "Gletscherfluss aus den Bergen",
gemacht. Hier sammelt sich das Wasser der Kreppa und später auch der Lindaá, um zu Islands zweitlängsten Fluss zu werden. Die Jökulsá ist 206 km lang
und hat ein Einzugsgebiet von 7850 qkm. Zwischen den abgerundeten Basaltblöcken, die von dem Gletscherwasser hierher transportiert wurden, sammelt
sich das Wasser zu einem reißenden Fluss. Wie groß muss nur das Getöse bei richtigen Hochwasser sein!
Zurück
in unserem Nachtquartier, einer Hütte des Isländischen Touristenvereins, hörten wir nach dem Abendessen die Sage von Islands bekanntestem Outlaw: Fjalla-Eyvindur,
der im 18. Jahrhundert gelebt hat. Die in Thingvellir beschlossenen Urteile wurden hier zum Teil vollstreckt. Die Verurteilten wurden für Jahre geächtet,
hier ausgesetzt und durften von allen straffrei getötet werden. Hat man seine Strafzeit überlebt, wurde man wieder rehabilitiert. Das ist allerdings
nur sehr wenigen gelungen. Die meisten wurden umgebracht, entweder von durchziehenden Bauern oder von der unwirtlichen Landschaft, in der sie leben
mussten. Fjalla-Eyvindur hat mit Frau und Kind überlebt, in einem Loch mit kleiner Quelle. Das Dach bestand aus einem Pferdegerippe und war mit Steinen
und Gras getarnt. Gelebt haben sie von rohem Pferdefleisch und Wurzelknollen der Echten Engelwurz.
Anschließend
unternahm ich im Schatten der Herdubreid noch einen kleinen Abendspaziergang durch die Oase. Die Herdubreid (die Breitschultrige), die Königin der
isländischen Berge, ist ein Tafelvulkan. Sie hüllte sich allerdings in Wolken und schlief. Der Sprühregen durchnässte mich total; absolute Stille rundherum
und nur der Klang meiner eigenen Schritte verfolgte mich. Schon ein unheimliches Gefühl! Alles sieht gleich aus und die Hütte ist nicht zu sehen: Lavakoller!
Also wieder mal auf die kleinen Stöckchen achten. Die Markierungen stehen immer in Sichtabstand zueinander. Jedenfalls weiß ich jetzt einigermaßen,
wie sich die Outlaws gefühlt haben mussten. Doch die hatten keine Hütte mit warmem Schlafsack in Sichtweite!
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